Entsorgen Sie noch oder spenden Sie schon?

Gedanken zur Wertschätzung in der Flüchtlingshilfe.

In unserem Land treffen aktuell zahlreiche Menschen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und anderen Ländern ein, die vor Krieg, Terror und Bomben aus ihrer Heimat geflohen sind.

„Die Flüchtlinge sollen gleichmäßig verteilt werden auf Städte und Gemeinden, im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. Manchmal reagiert die Bevölkerung hilfsbereit und offen, manchmal wächst aus Ängsten und Abneigung blanker Hass.“ (Oliver Das Gupta, Süddeutsche Zeitung)

Ein Teil meiner Wurzeln liegen in Lebach. 12 Jahre bin ich dort zur Schule gegangen und mit 18 Jahren habe ich im dortigen „Auffanglager“ (ein grauenhaftes Wort) für 6 Monate ein Praktikum absolviert.

Lebach ist in aller Munde – sowohl hier im Saarland, als auch über die saarländischen Grenzen hinaus.

Ich habe keine Ahnung, wie viele Flüchtlinge in den vergangenen Wochen in Lebach angekommen sind. Saarländische Politiker sprechen von einem „Flüchtlingsstrom in die zentrale Landesaufnahmestelle Lebach“ (Pressemitteilung vom 03.08.2015, 11 Uhr, Staatssekretär Stephan Kolling).

Der Flüchtlingsstrom hat eine ganze Welle an Hilfsbereitschaft ausgelöst!

In Lebach leisten das DRK, THW, DLRG und Malteser Helfer rund um die Uhr gute Arbeit. Auf Facebook hat sich die geschlossene Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge im Aufnahmelager Lebach“ gegründet, die von ein paar ehrenamtlichen Helfern auf sehr hohem Niveau geleitet wird. Hier wird koordiniert, organisiert, brandaktuelle Hilfe-Anfragen gepostet. Die Admins sind alle vor Ort und arbeiten Hand in Hand mit der DRK-Einsatzleitung.

Die Gruppe hat es innerhalb von 6 Tagen auf 849 Mitglieder gebracht. Viele lesen still mit, andere helfen zu koordinieren, wieder andere sind vor Ort und bieten Kinderbelustigung an – Basteln, Malen, Singen, Fußball spielen, Zaubern. Kinderkrankenschwestern und Hebammen finden sich nach ihrem Arbeitstag oder der Nachtschicht auf ehrenamtlicher Basis im Lager ein und kümmern sich um Mütter und ihre Kleinkinder. Dann gibt es dort noch die „Kleiderkammer“. Ein Spendenaufruf an die Bevölkerung lies die Kleiderkammer vor Ort binnen 3 Tagen aus allen Nähten platzen. Bis zum Ende der Sommerferien wird nun die Turnhalle einer benachbarten Schule zur „Spendenhalle“ umfunktioniert.

Das Erfreuliche: Die Halle ist übersät von Kleidern und Sachspenden!
Das Erschreckende: Manche Spenden sind ohne jede Würde!

Seit einer Woche verbringen ehrenamtliche Helfer, Stunden in der, durch die Sommerhitze aufgeheizten, Turnhalle. Gestern unterstütze ich die Organisatoren und einige anderen, wirklich feine Menschen, beim Sortieren. Säcke über Säcke werden Kleider nach Männer/Frauen, alle Größen, Sommer/Winter, T-Shirts/Pullis/Hemden/kurze Hosen/lange Hosen usw. sortiert.

Zwischendrin melden sich DRK und Koordinatoren via Handy oder Funk:
„Wir brauchen 10 Tüten Männerkleidung in Größe L für den heutigen Tag“. Wir schnappen uns Tüten und packen ein: 1 Unterhose (neu wegen der Hygieneverordnung), 1 kurze Hose und 1 T-Shirt (es sind heute 31°C) – die Kleidung soll meines Erachtens auch optisch zusammen passen. Strümpfe gibt es im Moment keine.

Als die Koordinatoren 1 Stunde später eintreffen und die Tüten abholen fragen sie: „Gibt es Seife, Duschgel, Zahnpflege-Artikel? Die eingetroffenen Jugendlichen von gestern Abend möchten endlich duschen!“ Ja – auch hier können wir direkt eine Kiste packen, die sofort ins Zeltlager gebracht wird.

Dann sortieren wir weiter. Still. In Würde. Mit Bedacht. Wir denken an die Menschen, die gerade die Tüten öffnen und sich endlich waschen können und nach Wochen der Flucht saubere Kleidung anziehen können.
Doch immer wieder sind wir auch schockiert. Wir öffnen Säcke, nehmen Kleidungsstück für Kleidungsstück heraus. Wir betrachten sie und sortieren. Doch was wir da in manchen Säcken finden macht uns erst wütend, dann traurig. Wir finden:

  • Verschimmelte Kleidung!
  • Kleidung mit Fäkalien verschmiert! Ja – sie lesen richtig!
  • Schuhe voller Lehm und Dreck!
  • Schuhe mit auseinander gebrochenen Sohlen!
  • Kleidung mit Farbe beschmiert und
  • einige andere Kuriositäten!

Wir stellen uns die Frage:
Wenn die Menschen, diese Dinge doch selbst beim besten Willen nicht mehr tragen möchten, WARUM um alles in der Welt, soll ein Flüchtling das tragen?

Und hier komme ich zur FRAGE DER WERTSCHÄTZUNG und ich frage diejenigen Menschen, die meines Erachtens ENTSORGEN anstatt zu SPENDEN:

  • Warum spenden Sie?
  • Was bewegt Sie zum Spenden?
  • Woran denken Sie, wenn Sie Ihre Schränke räumen?
  • Denken Sie an die Menschen, die Ihre alten Sachen auf ihrer Haut tragen werden?
  • Denken Sie daran, was diese Menschen in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt haben? (Auch wenn es für uns alle außerhalb jeder Vorstellungskraft liegen mag)
  • Können Sie sich vorstellen, dass das Menschen wie Sie und ich sind? Menschen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat ebenso schöne Kleidung trugen wie wir und täglich ihrer Arbeit nachgingen, zu der sie gut gekleidet erschienen sind?

Ich frage Sie:

  • Warum muten Sie einem Flüchtling Schimmel, Fäkalien und Dreck zu?
  • Denken Sie vielleicht „Die sollen froh sein, dass sie überhaupt was zum Anziehen haben“?
  • Denken Sie vielleicht „dort wo Die her kommen, sind sie auch nichts Besseres gewohnt“?

Ich möchte anmerken: Die beiden letzten Fragen sind nicht mein Gedankengut, sondern es sind Aussagen, die leider unter vielen Postings bei Facebook und Co. in Kommentaren zu lesen sind.

Ich frage Sie weiter:

  • Wie würden Sie sich fühlen wenn man Ihnen verschimmelte, verschmierte, verdreckte, stinkende „Lappen“ geben würde, damit Sie diese überstreifen können?
  • Können Sie sich vorstellen, dass es diese Menschen traurig macht? Das auch sie sich ekeln?
  • Müssen Menschen, die aus Angst um ihr Leben und aus Angst um ihre Kinder und Partner aus ihrer
    Heimat flüchten… müssen diese Menschen dann hier im Dreck ersticken?

Ich persönlich empfinde dies als wenig wertschätzend. Meine Wahrnehmung dazu:
„Toll ein Spendenaufruf! Dann kann ich endlich mal die Kellerschränke räumen und Platz schaffen!“

 „ENTSORGEN SIE NOCH ODER SPENDEN SIE SCHON?“

Ich wünsche mir, dass sich manche Menschen die von mir gestellten Fragen zu Gemüte führen und Antworten in sich finden. Positive Antworten. Und auch dann noch ihre Spendenbereitschaft fortführen. DAS würde mich wirklich freuen.

Konkret:
Wenn ich Kleidung spende, dann sind das Kleidungsstücke die ich selbst nicht mehr mag, weil ich sie schon so oft getragen habe und sich mein Geschmack verändert hat (zugegebenermaßen lebe ich und die meisten unter uns in diesem Luxus). Die Kleider haben keine Löcher, keine Flecken und sie sind auch nicht verzogen wie ein alter Lappen. Wenn sie es sind, benutze ich sie als solchen im Kellerschrank für den nächsten Ölwechsel oder sonstigen Dreck oder sie landen direkt in der Mülltonne.
Mein Tipp für Diejenigen, die die Mülltonne scheuen: Es gibt auch Kleiderverwertung – dann werden die Kleider geschreddert und die Stoff-Fasern wieder verwendet.

Wenn ich Schuhe spende, dann putze ich diese ein letztes Mal und wenn es ein wenig Schuhcreme bedarf, dann kommt dem Schuh auch diese zuteil.

Wenn sich wieder mal Hunderte Haare unserer Kater in einem Kleidungsstück verirrt haben, dann nehme ich mir die Zeit und entferne diese. Wollen Sie in fremder Katze wohnen? Igitt!

Ich danke den Menschen, die gestern mit mir in der Halle waren und sortiert haben. Die Dame, die trotz Schimmel und Fäkalien trotzdem den Sack nach brauchbarer Kleidung durchsucht hat und sich nicht demotivieren lies. Andrea Juchem, die Stofftiere mit nach Hause genommen hat um diese in der Waschmaschine zu waschen und am Montag wieder nach Lebach zu bringen. Katja Biesel und ihrer Schwester, die Tag für Tag in der Halle und vor Ort im Lager schuften und koordinieren. Die nicht klagen, nicht schimpfen, auf jedermanns Wohl bedacht sind und äußerst professionell vorgehen. Uwe Weisenseel vom „Welcome Team“, der scheinbar Tag und Nacht alle Helfer koordiniert und immer für jeden Helfer ein Wort des Dankes bereithält und somit Wertschätzung und Nächstenliebe vorlebt.

Das sind die Menschen, die ich gestern kennenlernen durfte. Dafür bin ich dankbar.

Auch allen anderen, die ich nicht persönlich kennengelernt habe, sei ein großer Dank ausgesprochen.
SO FUNKTIONIERT NÄCHSTENLIEBE!

Und wenn ich nur einen Wunsch äußern dürfte – an alle Götter in unserem Universum:

Menschen, lasst die Menschen Menschen sein!

Egal welche Nationalität – alle sind Menschen.
Egal welche Hautfarbe – alle sind Menschen.
Egal ob hetero- oder homosexuell – alle sind Menschen.

Bitte ihr Menschen da draußen – schenkt Liebe und ihr werdet Liebe empfangen.
Meine Nationalität? Mensch!

PS: Gedanken zur Wertschätzung in der Flüchtlingshilfe umfassen noch viele, viele andere Gedanken und Erfahrungen…

(Danke Andrea, für die Fotos!)

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23 Gedanken zu “Entsorgen Sie noch oder spenden Sie schon?

  1. Liebe Sandra! Ich finde es toll, dass du dich so spontan in Lebach zum Helfen eingefunden hast! Schön, dass du uns an deinen Erfahrungen und Gedanken teilhaben lässt!
    Ich bin schockiert, was manche Menschen unter „Spenden“ zu verstehen meinen… Aber ich freue mich auch über die große Spenden- und Hilfsbereitschaft aus Nächstenliebe!
    Ich hege den großen Traum, dass irgendwann Frieden auf der Erde sein wird…
    Danke für deine Zeilen!
    LG Katrin

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  2. (sic!) Hier bei uns gibt es auch einen Helferkreis, das Sachspendenteam beklagt hier auch, wie würdelos da versucht wird, seinen Müll zu entsorgen:
    Man greift sich an den Kopf und ist fassungslos.
    Aber Artikel wie der Ihre tragen hoffentlich mit zu einem Umdenken bei.
    Vielen Dank dafür!
    Ich werde versuchen mitzuhelfen, Ihren Appell zu multiplizieren: Versprochen!

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  3. Liebe Sandra, ich bewunder Ihr Engagement und freu mich, dass es immer noch viele Menschen gibt, die bereit sind zu helfen und die Nationalität „Mensch“ auch leben. Weiterhin viel Erfolg und Helfer.
    Freue mich , mehr zu hören!!
    Ganz lieben Gruß
    Solweig

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    1. Vielen Dank Solweig, für Ihr Interesse.
      Bisher habe ich nur einmal geholfen, weil meine Arbeit nicht mehr Zeit zuließ. Nun fahre ich in Urlaub und freue mich, danach nochmal die wirklich fantastischen Helfer, die täglich und bis in die Nacht vor Ort sind, zu unterstützen. In Lebach haben sich einige Menschen zusammen getan, so dass im „Camp“ gerade wahre Wunder geschehen. Ich bin Tag für Tag gerührt und sehr bewegt.

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  4. Als seinerzeit der große Tsunami durch Südostasien fegte, war ich noch im Roten Kreuz ehrenamtlich engagiert (geht heute gesundheitlich leider nicht mehr) und wir hatten eine große Sammlung von Kleiderspenden organisiert. Auch damals kamen Sachen an, die höchstenfalls noch der Verbrennung zuzuführen waren. Die absoluten „Highlights“ waren eine mehr als gebrauchte Einmalwindel für Säuglinge und ein nicht nähre zu identifizierendes Stück – nunja, sagen wir mal – „Reizwäsche“ überät mit zahlreichen eingetrockneten Flecken, den Rest überlasse ich mal der Phantasie des Lesers…
    Damals war das Verhältnis 2/3 brauchbares zu 1/3 Müll.
    Da fragt man sich wirklich, was sich die Leute dabei denken.
    Die brauchbaren Kleidungsstücke gingen direkt mit den Flugzeugen des DRK nach Asien und ich hoffe, dass sie den Menschen dort geholfen haben.

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  5. Hat dies auf fluechtlingsaufklaerung rebloggt und kommentierte:
    Hallo alle zusammen,

    weil es ein wichtiges Thema ist und ich mich ein wenig darüber informiert habe, möchte ich gerne einen Post einer Bloggerinkollegin weiter geben. Dieser beinhaltet wichtige Fragen zur Wertschätzung der Flüchtlingshilfe. Lesen Sie den Post und denken Sie ein wenig darüber nach. Das würde schon helfen.

    Gefällt 1 Person

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